Dr. med. Eugen von Grosschopff

Eugen von Grosschopff, um 1935

© privat

Eugen von Grosschopff (1893–1941), ein Baltendeutscher, wurde auf Gut Waballen im Gouvernement Kowno im Russischen Kaiserreich geboren. Das Gut gehörte seinem Vater, einem studierten Landwirt. Seine Mutter starb früh und 1898 heiratete sein Vater erneut. Eugen von Grosschopff wuchs mit fünf Halbgeschwistern auf. Nachdem er zunächst zu Hause unterrichtet worden war, besuchte er bis zum Abitur 1912 das Erste Staatsgymnasium Riga, in dem Russisch Unterrichtssprache war. Anschließend begann er an der Kaiserlichen Universität in Jurjew (heute Tartu, Estland) zu studieren. Nach dem Tod seines Vaters und dem Bruch mit seiner Stiefmutter setzte Eugen von Grosschopff sein Studium 1913 an der Berliner Friedrich-Wilhelms-Universität (heute Humboldt-Universität) fort und nahm mutmaßlich die preußische Staatsangehörigkeit an. Während des Ersten Weltkriegs war er ab 1917 als Hilfsarzt an der Charité beschäftigt, im Oktober 1918 bestand er das Staatsexamen, 1920 wurde er promoviert. Zum Jahresende heiratete er in Berlin die Schweizerin Ida von Känel, von der er sich gut drei Jahre später wieder scheiden ließ. Fachlich wandte von Grosschopff sich der Psychotherapie zu und wurde ein Schüler des Psychiaters Johannes Heinrich Schultz (1884–1970), dem Entwickler des autogenen Trainings. Er lehnte die klassische Psychiatrie ebenso ab wie die Schulmedizin und führte alle Krankheiten auf seelische Konflikte zurück. Von Grosschopff entwickelte eine eigene psychotherapeutische Methode, die er „Psychoplastik“ nannte. Mittels Freilegung der durch seelische Erkrankung verformten Persönlichkeit wollte er der Psychoanalyse eine aktiv-korrigierende Methode gegenüberstellen. Den Kampf um die gesellschaftliche Anerkennung psychisch Kranker betrachtete er als Lebensaufgabe.

Ende 1926 zog von Grosschopff nach Dresden, ab 1936 befanden sich seine Wohn- und Praxisräume in der Reichsstraße (heute Fritz-Löffler-Straße) 38. 1930 gründete er den Verein „Konflikthilfe“ und richtete eine „Beratungsstelle für seelische Not“ ein, für die die Stadt Dresden ihm einen Raum im Neuen Rathaus zur Verfügung stellte. Das Angebot war für die Ratsuchenden kostenfrei und unterstützte etwa bei Eheproblemen oder in Rechtsfragen.

Auch nach der Machtübergabe an die Nationalsozialisten blieb die Stelle bestehen und von Grosschopff darüber hinaus ein gefragter Referent. So sprach er etwa 1938 im Deutschen Hygiene-Museum über „körperliche und seelische Gesundheit“ und publizierte auch weiter. Im Bemühen, Menschen mit Neurosen von Stigmata zu befreien, führte er unter Rückgriff auf das rassenhygienische Vokabular der Nationalsozialisten die den Erkrankten fälschlich zugeschriebene „Lebensunfähigkeit“ und „Minderwertigkeit“ an. [1]Eugen von Grosschopff, Die seelische Behandlung kranker Menschen. Grundlagen und Grundfragen schöpferischer Psychotherapie, Leipzig 1940, S. 15. Auch rassenbiologische Vorstellungen flossen in seine Schriften ein, so wenn er eine „rassisch festgelegte Grenze der Verständigung“ zwischen Ärzteschaft und Patient:innen ausmachte und die „Behandlung durch einen fremdrassigen Arzt“ als „stets sehr bedenklich“ kritisierte. [2]Eugen von Grosschopff, Die seelische Behandlung kranker Menschen. Grundlagen und Grundfragen schöpferischer Psychotherapie, Leipzig 1940, S. 92. Antisemitische Äußerungen sind hingegen nicht bekannt.

Wann und warum von Grosschopff verhaftet wurde, ist nicht bekannt. Die Behauptung, dass er – wie in einem posthum erschienenen anonymen Nachruf behauptet – vom Reichsführer SS Heinrich Himmler – gefordert habe, die unmenschliche Behandlung von Gefangenen im Konzentrationslager Buchenwald zu untersuchen, entbehrt jeder Grundlage. Er erhängte sich am 26. Juni 1941 in seiner Zelle im Dresdner Polizeigefängnis, sein Halbbruder Woldemar von Grosschopff erwirkte die Freigabe des Leichnams. Unter Leitung eines Pfarrers der Lukaskirche fand die Beisetzung im kleinen Kreis am 3. Juli 1941 im Grabfeld 1D auf dem Johannisfriedhof statt. Mit Hilfe eines Dresdner Bekannten der Halbschwester Hedda von Grosschopff wurde das Grab bis Anfang der 1980er-Jahre gepflegt.

Quellen (Auswahl):

  • Bundesarchiv: NS 15/46, Bl. 11
  • Sächsisches Staatsarchiv, Hauptstaatsarchiv Dresden: 11045, Nr. 1408, VR 1478; 11045, Nr. 1408, Nr. 1. 04819
  • Lukaskirche Dresden: Bestattungsbuch
  • Auskünfte Günter Kruse, Mai/Juni 2026
  • Eugen von Grosschopff, Die Behandlung der Trigeminus-Neuralgie, Diss., Berlin 1922
  • Eugen von Grosschopff, Die seelische Behandlung kranker Menschen. Grundlagen und Grundfragen schöpferischer Psychotherapie, Leipzig 1940
  • Ernst Kurt Exner, Was ist und was will die Konflikthilfe? In: Illustriertes Tageblatt, 7.12.1934
  • Deutsches Hygiene-Museum e. V., in: Sächsische Volkszeitung, 7.12.1938
  • Dr. med. Eugen von Grosschoff, in: Sächsisches Tageblatt, 26.6.1946
  • Günter Kruse, Eugen Michael von Grosschopff (1893–1941). Arzt, Psychotherapeut, Schriftsteller, in: Jahrbuch des baltischen Deutschtums 2004, Lüneburg 2003, S. 115–149
  • Lars Kühl, Vor 75 Jahren erhängte sich Eugen von Grosschopff in einer Zelle. Der Psychotherapeut hatte sich mit den Nazis angelegt, in: Sächsische Zeitung, 25./26.6.2016
  • Eugen von Grosschopf, in: Wikipedia, de.wikipedia.org/wiki/Eugen_von_Grosschopff (23.4.2025)

NameDr. med. Eugen von Grosschopff
Geschlechtmännlich
Nationalitätdeutsch
OpfergruppePolizeihäftling
Nicht anerkannt gemäß Gräbergesetz
Geburtsdatum05.09.1893
Todesdatum26.06.1941
Bestattungsdatum03.07.1941
FriedhofJohannisfriedhof
GrablageGrabfeld 1D
TodesursacheSelbsttötung durch Erhängen
TodesortDE, Dresden, Polizeigefängnis, Schießgasse 7

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