Valentin Meerwald

Valentin Meerwald, 1942

© privat

Grabstein für Rudolf Kocholaty, Karl Wittrich und Valentin Meerwald (erster von rechts), 1960er-Jahre, aus der der Chronik von Karel Melichar, Bouřlivá léta! (Stürmische Jahre!), Teil 4, 1967

© Státní oblastní archiv v Plzni

Einweihung einer Gedenktafel in Karlovy Vary am 15. September 1956, die an Valentin Meerwald als „Anführer einer illegalen Gruppe deutscher Kommunisten“ erinnert

© Státní okresní archiv Karlovy Vary

Blick auf die aus der DDR angereiste Emma Meerwald anlässlich der Einweihung der Gedenktafel

© Státní okresní archiv Karlovy Vary

Blick auf die bei der Einweihung der Gedenktafel anwesende Menschenmenge

© Státní okresní archiv Karlovy Vary

Valentin Meerwald (1895–1944) wurde als achtes Kind von Marie und Adolf Meerwald im böhmischen Ernstbrunn (heute Arnoštov, Tschechische Republik) geboren, das damals zur österreichisch-ungarischen Doppelmonarchie gehörte. Nach dem Besuch der Volksschule absolvierte er dort eine Lehre als Glasschleifer und arbeitete als Geselle, bis er 1915 als Soldat am Ersten Weltkrieg teilnehmen musste. An den Folgen einer Verwundung an der italienischen Front 1916 litt Valentin Meerwald lebenslang. Nach Kriegsende lebte er zunächst für kurze Zeit in Niederösterreich und ab 1920 in Karlsbad (tschechisch Karlovy Vary), das seinerzeit zum überwiegend von Deutschen besiedelten österreichischen Grenzgebiet gehört hatte, und nun Teil der neu gegründeten Tschechoslowakischen Republik war. Hier arbeitete er in der traditionsreichen Glasfabrik Moser und war politisch zunächst in der Deutschen Sozialdemokratischen Arbeiterpartei (DSAP) und nach der Spaltung der DSAP im Frühjahr 1921 in der deutschen Sektion der Komunistická strana Československa (Kommunistische Partei der Tschechoslowakei, KPČ) organisiert. 1920 heiratete er Emma Karl (1897–1962), mit der er den Sohn Waldemar bekam. 1930 musste Valentin Meerwald eine eigene Glasschleiferei, die er 1926 gegründet hatte, wegen seiner Kriegsverwundung aufgeben und wurde arbeitslos. 1936 fand er eine Anstellung beim kommunistischen Verband der Chemie-, Glas- und Keramikarbeiter, wo er als Bezirks- und später Gebietsleiter der Prager Zentrale Erwerbslosengelder auszahlte. Damit verbunden war der Wiedereintritt in die KPČ, die er 1923 verlassen hatte.

Als die Gestapo im Zuge der Annexion des Sudetengebiets durch das Deutsche Reich 1938 kommunistische und sozialdemokratische Funktionär:innen vorbeugend festnehmen ließ, war im Oktober 1938 auch Valentin Meerwald unter den Inhaftierten. Ende Februar 1939 wurde er aus dem Konzentrationslager Dachau entlassen. Nach kurzer Arbeitslosigkeit arbeitete er zunächst als Schleifer in einer Glasschleiferei in der heute zu Karlovy Vary gehörenden Gemeinde Tuhnice (deutsch Donitz) und ab 1941 wieder in der Fabrik in Karlovy Vary, die nun Glasmanufaktur Karlsbad AG hieß.

Der deutsche Überfall auf die Sowjetunion 1941 veranlasste den überzeugten Kommunisten, eine Widerstandsgruppe im Raum Karlovy Vary aufzubauen – und zwar unabhängig von der Prager Leitung der illegalen KPČ. Meerwalds zentrales Anliegen war es offenbar, eine sudetendeutsche kommunistische Organisation aufzubauen, die im Fall einer Niederlage des Deutschen Reiches die örtliche Bevölkerung im antifaschistischen Sinne beeinflussen und so möglicherweise auch vor eventuellen tschechischen Racheakten bewahren sollte. Mit hohem persönlichem Einsatz gewann Meerwald vor allem frühere KPČ-Mitglieder für seine Organisation und setzte sie als Ortsleiter mit der Maßgabe ein, weitere Mitglieder zu rekrutieren und Mitgliedsbeiträge einzutreiben. In selbst verfassten Propagandaschriften prangerte er „das wahnsinnige Kriegsabenteuer der NSDAP um die Weltherrschaft“ und den „Vernichtungskrieg“ gegen die Sowjetunion an. [1]Valentin Meerwald, Die Entscheidung, undatiert, Bundesarchiv, R 3017/19083. 1942 wurde die Gestapo in Karlsbad auf die Gruppe um Meerwald aufmerksam und leitete Überwachungsmaßnahmen ein – der entscheidende Durchbruch gelang ihr, als der Porzellanschleifer Leo Zimmermann die Gruppe denunzierte und als V-Mann der Gestapo auf Meerwald angesetzt wurde.

Anfang Juli 1943 wurde dieser verhaftet und in Gefängnissen in Karlsbad und Eger (tschechisch Cheb) inhaftiert und verhört. Weitere Verhaftungen folgten – unter anderem von Emma Meerwald. Vier Wochen später erließ ein Ermittlungsrichter des Volksgerichtshofs einen Haftbefehl gegen Meerwald. Im Oktober 1943 teilte die Oberreichsanwaltschaft das Verfahren, das sich gegen 40 Beschuldigte richtete, auf. Acht von ihnen – darunter Valentin Meerwald – wurden später in Dresden vom Volksgerichtshof verurteilt, der größere Teil vom Oberlandesgericht Leitmeritz. In diesem Verfahren, in dem seine Frau zu einer fünfjährigen Gefängnisstrafe verurteilt wurde, musste Valentin Meerwald Mitte Mai 1944 als Zeuge aussagen, anschließend wurde er nach Dresden überstellt. Am Münchner Platz verurteilte der Volksgerichtshof ihn und fünf weitere Angeklagte am 28. Juni 1944 zum Tode.

Am 4. September 1944, dem Tag seiner Hinrichtung, kehrte Valentin Meerwald ausweislich der Aufzeichnungen des katholischen Gefängnisseelsorgers Franz Bänsch zur römisch-katholischen Kirche zurück, von der er sich als Kommunist abgewandt hatte. Der Rückkehr zum katholischen Glauben war offenbar ein längerer Prozess vorausgegangen, bei dem das Abhören der Predigten Clemens August Graf von Galens im Sommer 1941 im Londoner Rundfunk eine wesentliche Rolle gespielt hatte. Der Bischof von Münster hatte Allmachtsanspruch und Terror des NS-Regimes scharf verurteilt. Ebenso hielt Pater Bänsch fest, dass ein katholischer Geistlicher eine gute Woche lang im Gefängnis in Karlovy Vary eine Zelle mit Valentin Meerwald geteilt hatte.[1]Notiz Franz Bänsch zu den Vollstreckungen am 4.9.1944, Unterlagen Franz Bänsch (Kopie), Sammlung Gedenkstätte Münchner Platz Dresden. Meerwalds Abschiedsbrief, in dem er sich auch von seiner inhaftierten Frau verabschiedete und von seinem Sohn, der bei der Wehrmacht war, richtete er an seine Schwester. Vier Tage nach seinem Tod wurden seine Überreste auf dem Johannisfriedhof beerdigt. 

Im Zuge der Kennzeichnungen von Gräbern der Siegermächte in den ersten beiden Jahrzehnten nach Kriegsende erhielt auch das Grab, in dem die Überreste von Valentin Meerwald, dem Mitverurteilten Karl Wittrich sowie von Rudolf Kocholaty, einem weiteren Sudetendeutschen, bestattet waren, eine Namenstafel. 1956, anlässlich seines zwölften Todestags, weihte die KPČ-Kreisleitung Karlovy Vary in Anwesenheit seiner Witwe an seinem letzten Wohnort in Karlovy Vary-Dvory eine Gedenktafel feierlich ein und benannte eine Straße nach ihm „V. Meerwalda“. 1958 wurde mit dem Abdruck seines Abschiedsbriefs in der Edition „Erkämpft das Menschenrecht“ auch in der DDR an Valentin Meerwald erinnert. 

Später geriet Meerwald in beiden Ländern weitgehend in Vergessenheit: Nach der Überführung des fälschlich als Tscheche identifizierten Rudolf Kocholaty in die Gedenk- und Begräbnisanlage im Grabfeld 3I im Jahr 1976 wurde auch das Grab Meerwalds auf dem Johannisfriedhof eingeebnet und nach 1989/90 die Tafel an seinem Wohnort in Karlovy Vary vom neuen Eigentümer des Hauses entfernt.

Quellen (Auswahl):

  • Bundesarchiv: R 3017/5102; R 3017/19082; R 3017/19083; R 3017/19088
  • Státní okresní archiv Karlovy Vary: Bildarchiv
  • Auskünfte und Unterlagen aus Privatbesitz
  • Sammlung Gedenkstätte Münchner Platz Dresden: Unterlagen Franz Bänsch (Kopie)
  • Valentin Meerwald, in: Institut für Marxismus-Leninismus beim Zentralkomitee der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (Hrsg.), Erkämpft das Menschenrecht. Lebensbilder und letzte Briefe antifaschistischer Widerstandskämpfer, Berlin (DDR) 1958, S. 355 f.
  • Leopold Grünwald, Sudetendeutscher Widerstand gegen den Nationalsozialismus, Benediktbeuren 1986 (S. 93–96, 274–279)
  • Valentin Meerwald, in: Pavla Plachá/Birgit Sack, „Behaltet diesen Brief als Andenken an mich“. Abschiedsbriefe von Dresdner Hinrichtungsopfern aus der Tschechoslowakei. Eine kommentierte Edition / „Tento dopis si nechte na památku na mě“. Poslední dopisy Čechoslováků popravených v Drážďanech. Komentovaná edice, Prag/Leipzig 2023, S. 125 f. (deutsch) und 151 f. (tschechisch)

Name Valentin Meerwald
Geschlechtmännlich
Nationalitätdeutsch
OpfergruppeJustizhäftling
Nicht anerkannt gemäß Gräbergesetz
Geburtsdatum24.10.1895
Todesdatum04.09.1944
Bestattungsdatum08.09.1944
FriedhofJohannisfriedhof
GrablageGrabfeld 4I
TodesursacheHinrichtung
TodesortDE, Dresden, Hinrichtungsstätte, Münchner Platz

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