Josef Strnad
Josef Strnad (1884–1943) stammte aus dem kleinen Ort Chlístovice bei Kutná Hora (deutsch Kuttenberg), wo seine tschechische Familie seit Jahrhunderten als Landwirte einen eigenen Bauernhof bewirtschaftete. Nach dem Schulbesuch absolvierte er eine Lehre als Kaufmann und diente in einem Infanterieregiment in der damaligen österreichisch-ungarischen Monarchie. 1909 heiratete er Anežka Viktorová, die im folgenden Jahr die Geburt eines Kindes nicht überlebte, das ebenfalls starb. Josef Strnad kehrte auf den Hof seiner Eltern zurück und trat 1912 der traditionsreichen, betont patriotischen Turnbewegung Sokol bei. Zu Beginn des Ersten Weltkriegs kämpfte er in einem Landwehrregiment, geriet jedoch bereits im November 1914 in russische Kriegsgefangenschaft. Anderthalb Jahre später schloss er sich aus der Kriegsgefangenschaft heraus der Tschechoslowakischen Legion in Russland an, einem Freiwilligenverband, der als Teil der russischen Armee für die nationale Unabhängigkeit eintrat.
1920 kehrte Josef Strnad nach Chlístovice zurück, übernahm die Landwirtschaft der Eltern und wurde Mitglied der Republikánská strana zemědělského a malorolnického lidu (Republikanische Partei der Landwirte und Kleinbauern), einer konservativen und staatstragenden politischen Gruppierung in der unabhängigen Tschechoslowakei. 1921 heiratete er die 14 Jahre jüngere Landwirtin Anežka Tvrdíková, und das Paar bekam in den folgenden Jahren die Söhne Josef, Jiří und František. 1925 gehörte Josef Strnad zu denjenigen, die den Československá obec legionářská(Tschechoslowakischer Legionärsverband) – ein Zusammenschluss vormaliger Legionäre – verließen, weil er ihnen politisch zu weit links stand, und die betont antikommunistische Nezávislá jednota československých legionářů (Unabhängige Vereinigung der Tschechoslowakischen Legionäre) gründeten. Als Vorsitzender des örtlichen Sokol-Vereins und Mitglied der Církev československá (Tschechoslowakische Kirche), die sich auf den Reformator Jan Hus berief, initiierte er die Anfertigung eines 1937 eingeweihten Felsreliefs für Jan Roháč z Dubé, einen böhmischenHussitenhauptmann, der die Burg Sion bei Chlístovice hatte errichten lassen und 1437 in Prag hingerichtet worden war.
Im April 1941, gut zwei Jahre nach Beginn der deutschen Okkupation, schloss er sich dem Národní obranný svaz (NOS, Nationaler Verteidigungsverband) an, einem Widerstandsnetzwerk, das der Prager Rechtsanwalt Jan Karlík nach der fast völligen Zerschlagung der Militärorganisation Obrana národa (Verteidigung der Nation) gegründet hatte. Als Erkennungszeichen der Mitglieder untereinander diente das Anlegen des Zeigefingers an die Nase („nos“, tschechisch für Nase). Strnad wurde von Jan Karlík zum Kommandanten für Kutná Hora-Land bestimmt. Auftragsgemäß warb er in den Dörfern des Bezirks insgesamt acht neue Mitglieder und blieb mit Jan Karlík in Kontakt; zudem stand er im Austausch mit dem später ebenfalls in Dresden hingerichteten Josef Tomášek (1891–1943), der für die Stadt Kutná-Hora zuständig war.
Mitte April 1942 wurde Josef Strnad festgenommen und kam nach der Gestapo-Haft in Kutná Hora, Kolín und die Kleine Festung Theresienstadt nach Prag, wo ein Ermittlungsrichter des Volksgerichtshofs einen Haftbefehl gegen ihn ausstellte. Kurz vor seinem Prozess wurde Josef Strnad aus dem Gefängnis Gollnow (heute Goleniów, Polen) nach Dresden überstellt. Mit sechs Mitangeklagten, die sich ebenfalls im NOS auf Kommandeursebene im NOS engagiert hatten, erhielt er am 28. Juli 1943 sein Todesurteil. Sein Wahlverteidiger, ein deutscher Rechtsanwalt aus Prag, und seine Ehefrau Anežka Strnadová bemühten sich vergeblich, mit Gnadengesuchen eine mildere Strafe zu erreichen.
In der Todeszelle konvertierte Josef Strnad zum Katholizismus. In seinem Abschiedsbrief am Tag seiner Hinrichtung am 15. Oktober 1943 am Münchner Platz in Dresden bat er seine Familie, es ihm nachzutun, die heimische Sion-Kirche des heiligen Andreas mit einer weiteren Glocke auszustatten und ihn auf dem zugehörigen kirchlichen Friedhof bestatten zu lassen. Am 20. Oktober 1943 wurde Josef Strnads Leichnam auf dem Johannisfriedhof im Grabfeld 1B bestattet – eine Freigabe des Leichnams zur Überführung nach Chlístovice, die die Witwe wenig später beim Oberreichsanwalt erbat, wurde verboten. Die Familie ließ das Grab jedoch schon vor Kriegsende auf eigene Kosten pflegen.
Nach Kriegsende versah die Friedhofsverwaltung auch das Grab von Josef Strnad mit Grabstein und Inschrift – ohne die beiden ebenfalls dort bestatteten Hinrichtungsopfer zu erwähnen. Als die Familie den inzwischen verwitterten Grabstein 1976 ersetzen wollte, erfuhr sie von der bevorstehenden Umbettung seiner Überreste in die Gedenk- und Begräbnisanlage im Grabfeld 3I. An der Einweihung nahm Anežka Strnadová mit ihren Söhnen Josef und František teil. In der sozialistischen Tschechoslowakei war für Josef Strnad als Repräsentanten des bürgerlich-militärischen Widerstands kein Platz in der Erinnerungskultur, vielmehr wurde er posthum sogar als „Faschist“ diffamiert. Seit 2014 erinnert jedoch ein Denkmal für die Toten des Ersten und Zweiten Weltkriegs aus Chlistovíce auch an ihn. Eine besondere Ehrung wurde Josef Strnad schließlich Anfang November 2023 zuteil, als auf Initiative seiner Enkelin Květa Bačkorová die Glocke „Josef“ für die St.-Andreas-Kirche in Chlístovice gegossen und ihm gewidmet wurde. Zudem erinnert eine Station des Lehrpfads „Naučná stezka Cestou husitských hejtmanů“ (Der Weg der hussitischen Statthalter) in der Nähe des Reliefs von Jan Roháč an Josef Strnad.
Quellen (Auswahl):
- Archiv bezpečnostních složek: 141-336-1; 141-336-5; 141-358-20; 141-358-24; 141-358-25
- Sammlung Verwaltung des Elias-, Trinitatis- und Johannisfriedhofs: E.1. Ehrenhain Widerstandskämpfer und Angehörige fremder Nationen
- Státní okresní archiv Kutná Hora: Z vězení německého gestapa v letech 1942–1943
- Vojenský ústřední archiv – Vojenský historický archiv: f. Osvědčení podle zák. Č. 255/1946 Sb., č. j. 73060/64, Josef Strnad
- Auskünfte und Unterlagen aus Privatbesitz
- Spolek pro vojenská pietní místa, Petr Novák, 2007, https://www.vets.cz/vpm/29949-pametni-deska-josef-strnad (5.6.2025)
- Spolek pro vojenská pietní místa, Petr Novák, 2007, https://www.vets.cz/vpm/29705-pomnik-obetem-1-a-2-svetove-valky-a-vojakum-rude-armady/#29705-pomnik-obetem-1-a-2-svetove-valky-a-vojakum-rude-armady (5.6.2025)
- Stetzky.Info, Naučná stezka Cestou husitských hejtmanů, http://www.stezky.info/naucnestezky/naucna-stezka-cestou-husitskych-hejtmanu.htm (5.6.2025)
- Josef Strnad, Československá obec legionářská, legionáři, https://www.csol.cz/legionar/103959 (5.6.2026)
- Lenka Mazačová, Zapomenutý osud Josefa Strnada rolníka z Chlístovic (2023)
- Jiří Franc, Chlístovice -- druhý sionský zvon 2023 11, jirifranc.cz/fotoalbum/krajiny-kutnohorsko-kolinsko/chlistovice-druhy-sionsky-zvon-sionsky-kostelik-josef-strnad-2023-11/
- Josef Strnad (odbojář), in: Wikipedia, cs.wikipedia.org/wiki/Josef_Strnad_(odbojář) (5.6.2026)
| Name | Josef Strnad |
|---|---|
| Geschlecht | männlich |
| Nationalität | tschechisch |
| Opfergruppe | Justizhäftling
Anerkannt gemäß Gräbergesetz § 1 Abs. 2 Nr. 4 |
| Geburtsdatum | 30.04.1884 |
| Todesdatum | 15.10.1943 |
| Bestattungsdatum | 20.10.1943 |
| Friedhof | Johannisfriedhof |
| Grablage | Grabfeld 1B
Exhumiert und innerhalb des Friedhofs überführt nach Grabfeld 3I (1976) |
| Todesursache | Hinrichtung |
| Todesort | DE, Dresden, Hinrichtungsstätte, Münchner Platz |
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