Abram Szwajcer

Symbolbild (Abram Szwajcer)

 

Simon Schwartz, Vita Obscura Comic, Ausschnitt

Simon Schwartz, Vita Obscura Comic, Ausschnitt

© Frankfurter Allgemeine Zeitung (Magazin), 12.10.2024

Stark verwitterter Grabstein für Abram Szwajcer

Stark verwitterter Grabstein für Abram Szwajcer („Abraham Schweizer“) auf dem Neuen Jüdischen Friedhof

© HATiKVA, CJD Freiberg / Projekt Shalom

Abram Szwajcer (auch Abraham Schweizer, 1903–1945) kam 1903 in Będzin, damals ein Teil des vom russischen Kaiserreich abhängigen Königreichs Polen, als Kind jüdisch-polnischer Eltern zur Welt. Die dortige jüdische Gemeinde zählte zu den größten in Westpolen. Abram Szwajcer wurde Kaufmann von Beruf, 1940 heiratete er Szejwa Gela Kozubski, mit der er einen Sohn bekam.

Ab Mai 1942 deportierten die deutschen Besatzer die jüdischen Bewohner:innen Bendzins in das etwa 30 Kilometer entfernte Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz – auch Abram Szwajcer. Was mit seiner Frau und seinem Sohn geschah, ist nicht bekannt.

Abram Szwajcer gehörte zu einer Gruppe von rund 500 KZ-Häftlingen, die Ende Oktober 1944 über das KZ Stutthof nach Dresden überführt wurde, wo sie einen Monat später eintraf. Bis zu den Luftangriffen auf Dresden im Februar 1945 musste er für die Firma Bernsdorf & Co in der Schandauer Straße 68 Zwangsarbeit leisten. Da auch die Häftlingsunterkünfte auf dem Firmengelände aufgrund des Bombardements schwer beschädigt waren, wurde Abram Szwajcer wie fast alle Gefangenen in das Außenlager Mockethal-Zatzschke bei Pirna verlegt. Wahrscheinlich floh er – wohl zusammen mit dem Mithäftling Abram Sztajer –, nachdem die SS im April 1945 die Dresdner Außenlager aufgelöst hatte und die Häftlinge vor der heranrückenden Roten Armee in Richtung Sudetenland oder Erzgebirge trieb. Ein deutscher Angestellter der Firma Bernsdorf soll den beiden geraten haben, Unterschlupf bei Herta (1908–2003) und Kurt Fuchs (1908–1945) in Oberpoyritz zu suchen. Das Ehepaar nahm die beiden KZ-Gefangenen bei sich auf und gab sie als polnisch-katholische Zwangsarbeiter aus. Den Schilderungen des ehemaligen Mithäftlings Roman Halter zufolge sollen die beiden ehemaligen Häftlinge unmittelbar bei Kriegsende gemeinsam mit Kurt Fuchs und weiteren Ortsansässigen begonnen haben, nach SS-Angehörigen aus Oberpoyritz zu fahnden. Am 11. Mai 1945 seien sie nach Dresden gefahren und hätten dort einen jüdischen Offizier der Roten Armee kennengelernt, dem sie bei der Quartiersuche geholfen hätten und der ihnen angeboten habe, bei ihm zu wohnen. Daher seien sie am folgenden Tag nach Oberpoyritz zurückgekehrt, um ihre Habseligkeiten zu holen. Als die SS-Männer erfahren hätten, dass Szwajcer und Sztajer sich im Haus der Familie Fuchs aufhielten, hätten sie Szwajcer und Kurt Fuchs auf einem nahe gelegenen Feld erschossen, Sztajer sei der Erschießung entgangen.

Am 14. Mai 1945 wurde Abram Szwajcers Leichnam auf dem Johannisfriedhof im Grabfeld 5F beigesetzt. Im Bestattungsbuch ist vermerkt, dass der Tote „in Niederpoyritz (mit Fuchs) wegen Waffentragens erschossen“ wurde und sein Kopf einen „Einschuß an [der] Schädeldecke“ aufwies. Erworben hatte das Grab mutmaßlich Abram Sztajer (die Unterschrift auf dem Leichen- und Bestattungsschein ist schwer lesbar) im Namen eines „Internationalen Komitees der Konzentrationäre“, möglicherweise des Internationalen Auschwitz-Komitees.

Mayer Dantus und Szmul Litvin, die Abram Szwajcer ebenfalls aus der KZ-Haft kannten und sich nach Kriegsende der Dresdner Jüdischen Gemeinde angeschlossen hatten, erwirkten 1952 die Überführung seiner Überreste auf den Neuen Jüdischen Friedhof. Dort erinnert bis heute ein verwitterter Grabstein an ihn.

Im Oktober 2024 widmete der Comiczeichner Simon Schwartz, der als Kind seine Ferien häufig in Oberpoyritz verbracht hatte, der Geschichte des Ehepaars Fuchs eine Episode in seiner in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung veröffentlichten Comicserie „Vita Obscura“.

 

Quellen (Auswahl):

  • Archiv Jüdische Gemeinde zu Dresden: A-03-01-52 M-Z
  • Sammlung Verwaltung des Elias-, Trinitatis- und Johannisfriedhofs: A. 7. I. Aushebungen 1945–1956; Todes- und Begräbnisanzeige
  • Schweizer Abraham [12.05.1945], Digitale Edition ─ Jüdischer Friedhof Dresden, neuer Friedhof, Fiedlerstraße 3, dr2-41404, www.steinheim-institut.de/cgi-bin/epidat (4.10.2024)
  • Roman Halter, Romans Reise durch die Nacht. Bericht eines Überlebenden, Berlin 2007 (S. 149, 171– 277, 296)
  • Heike Liebsch, Umgebettet: Elsa Wroblewska und Abraham Schweizer, in: Heike Liebsch (Hg.), Der Neue Israelitische Friedhof in Dresden, Berlin/Leipzig 2021, S. 280–283
  • Simon Schwartz, Vita obscura, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung (Magazin), 12.10.2024

Name Abram Szwajcer
NamensvariantenAbraham; Schweizer
Geschlechtmännlich
Nationalitätdeutsch
OpfergruppeZivilist:in
Nicht anerkannt gemäß Gräbergesetz
Lebensalter laut Friedhofsunterlagen32 Jahre (geb. 1903)
Todesdatum12.05.1945
Bestattungsdatum14.05.1945
FriedhofJohannisfriedhof
GrablageGrabfeld 5F
Exhumiert und überführt nach
DE, Dresden, Neuer Jüdischer Friedhof (10.10.1952)
TodesursacheErschießung
TodesortDE, Niederpoyritz

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