Marga Wolf
Marga (eigentlich Margarete) Wolf (1880–1944) wurde als jüngstes der fünf Kinder von Bertha Wolf und dem Bankier Alexander Wolf in Dresden geboren. Beide Eltern waren jüdisch aufgewachsen, konvertierten jedoch vor der Jahrhundertwende zum evangelisch-lutherischen Glauben. Während Marga Wolf eine höhere Töchterschule besuchte, starb 1893 ihr Vater. 1903 ließ sie sich im Diakonissenmutterhaus in Eisenach zur Lehrschwester in der Alten- und Krankenpflege ausbilden und gehörte seither als dienende Schwester dem Johanniterorden an. Mit Kursen des Allgemeinen Deutschen Frauenvereins in Leipzig bereitete sie sich auf das Abitur vor, das sie 1907 bestand. Anschließend studierte Marga Wolf bis 1912 in Freiburg, Jena, Leipzig und Tübingen Medizin, als Assistenzärztin wurde sie 1913 mit einer Studie über Säuglingssterblichkeit promoviert. Während des Ersten Weltkriegs war sie in einem Seuchenlazarett tätig, um dann kurzzeitig ein Wöchnerinnenheim in Stuttgart zu leiten. 1920 ließ sie sich dort als Fachärztin für Frauen und Kinder nieder. Neben ihrer Praxis war Marga Wolf weiterhin vielfältig engagiert: In der Frauenabteilung der Volkshochschule Stuttgart leitete sie Kurse zur gesundheitlichen Aufklärung von Frauen, zudem war sie im Frauensport aktiv. 1930 etwa referierte Wolf in Dresden auf einer Tagung von Sportärztinnen über „Gymnastik als Heilmittel in der Gynäkologie“. Die Zusammenkunft fand im Vorfeld einer Mitgliederversammlung des Bundes Deutscher Ärztinnen statt, in deren Landesgruppe Württemberg sie ebenfalls aktiv war. Auch standespolitisch betätigte sie sich: So wurde sie 1931 in die Ärztekammer Stuttgart gewählt. Seit ihrer Niederlassung wirkte sie zudem als Beisitzerin in der Stuttgarter Ortsgruppe des Vereins Frauenbildung – Frauenstudium.
Mit der Machtübergabe an die Nationalsozialisten engten sich Lebensraum und Wirkmöglichkeiten der vielfältig vernetzen und engagierten Ärztin, die nun im Sinne der NS-Rassegesetze als jüdisch galt, zunehmend ein. Zunächst verlor sie ihre Kassenzulassung. Damit – und in Verbindung mit der antisemitischen Hetze – verringerte sich die Zahl ihrer Patient:innen drastisch. Marga Wolf musste ihre Behandlungsräume aufgeben und praktizierte an entlegenem Ort weiter, bis ihr im Juli 1938 wie allen Ärzt:innen jüdischer Herkunft auf dem Verordnungsweg die Approbation entzogen wurde. In dieser Zeit zerbrach auch die Wohngemeinschaft mit ihrer Lebensgefährtin, der Lehrerin Elisabeth Schröder, weil Wolf für die „arischen“ Hausbewohner:innen als nicht mehr zumutbar galt.
Ein evangelischer Pfarrer und der Geschäftsführer der Robert Bosch GmbH, Hans Walz, versuchten vergeblich, ihre Deportation zu verhindern. Am 18. Juni 1943 wurde die 63-Jährige in das Ghetto Theresienstadt eingeliefert, am 3. Januar 1944 starb sie dort.
In der Grabstätte ihrer Eltern – die Mutter war 1936 gestorben – wird symbolisch an Marga Wolf erinnert und an ihren ältesten Bruder, der bereits im Ersten Weltkrieg in Flandern starb, sowie an dessen in der Emigration in Kanada gestorbenen Sohn. Um die Grabstätte kümmerte sich lange Marga Wolfs Nichte, eine Tochter ihrer Schwester Elsa Pechmann (1874–1944), einer Chemikerin und Dresdner Stadtverordneten. Diese wurde – wie auch Marga Wolfs Bruder, der Arzt Paul Wolf (1876–1943) – Opfer antisemitischer Verfolgung. Sie starb im Dresdner Polizeigefängnis und ist auf dem Nordfriedhof bestattet.
Seit 2019 erinnert in Stuttgart ein Stolperstein an Marga Wolf, seit 2023 in Berlin ein weiterer an ihren Bruder.
Quellen (Auswahl):
- Stadtarchiv Dresden, 6.4.25–1.2.2-9 6.4.25 Standesamt I, Geburtsregisternr. 216/1880 (Marie Margaretha Wolf)
- Universitätsarchiv Leipzig, Universitätsquästur, Studentenkartei
- Maria Margarethe Wolf, in: Terezín Memorial, www.pamatnik-terezin.cz/prisoner/te-heller-gertrud (24.4.2026)
- Margarete Wolf, Die Säuglings-Sterblichkeit der Tübinger Poliklinik in den Jahren 1911 und 1912, Stuttgart 1913 (S. 11, Lebenslauf)
- Mitgliederversammlung des Bundes Deutscher Ärztinnen, in: Die Frau 38 (1930/31), Heft 1, S. 60f
- Dr. med. Margarete Wolf, in: Susanne Rueß, Stuttgarter jüdische Ärzte während des Nationalsozialismus, Diss., Tübingen 2009, S. 322–326
- Marga Wolf, in: Institut für Geschichte der Medizin, Charité, 2015, Ärztinnen im Kaiserreich, https://geschichte.charite.de/aeik/biografie.php?ID=AEIK00785 (24.4.2026)
- Dr. med. Margarethe Wolf, Stälinweg 22, in: Gegen das Vergessen: Stolpersteine für Stuttgart, www.stolpersteine-stuttgart.de/biografien/dr-med-margarethe-wolf-staelinweg-22 (24.4.2026)
- Ludwig Paul Wolf, in: Liste der Stolpersteine in Berlin-Lichterfelde, de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_Stolpersteine_in_Berlin-Lichterfelde (24.4.2026)
- Marga Wolf, in: Wikipedia, de.wikipedia.org/wiki/Marga_Wolf (24.4.2026)
Sollten Sie zu Personen oder deren Gräber über die Datenbank hinausweisende Auskünfte haben wollen, nutzen Sie bitte unser Online-Auskunftsformular.



