Gedenk- und Begräbnisanlage für Opfer des Kapp-Putschs
Die Anlage im Grabfeld 5L erinnert an 22 Personen, die bei den Straßenkämpfen rund um den Dresdner Postplatz infolge des Kapp-Putschs im Jahr 1920 starben. Diese Toten sind keine Opfer nach dem Gräbergesetz, weil ihr gewaltsamer Tod in die Zeit der Weimarer Republik fällt. Die gewalttätigen politischen Auseinandersetzungen sind jedoch von stadthistorischer Bedeutung.
Lage des Grabfelds 5L auf dem Johannisfriedhof
Heutige Belegung mit Opfern von Gewalt und Krieg, sichtbare Gräber und Gedenkzeichen
Die Geschehnisse am 15. März 1920
Die in dieser Anlage beigesetzten 22 Personen kamen Mitte März 1920 bei gewaltsamen Auseinandersetzungen infolge des Kapp-Putschs ums Leben. Der konterrevolutionäre Putschversuch gegen die Weimarer Republik um den Reichswehrgeneral Walther von Lüttwitz und den als Reichskanzler eingeplanten Generallandschaftsdirektor Wolfgang Kapp begann am 13. März 1920 und wurde erst vier Tage später durch einen reichsweiten Generalstreik beendet. Möglich wurde der Putsch, weil die Reichswehrführung sich weigerte, militärisch gegen die Putschisten vorzugehen.
Opfer im Sinne des Gräbergesetzes sind diese Toten nicht, weil sie in der demokratisch verfassten Weimarer Republik ums Leben kamen. Sie wurden dennoch in dieses Portal aufgenommen, da sie im Kontext eines Umsturzversuchs starben.
Wer für die Gewalt verantwortlich war, die sich am 15. März 1920 auf dem Dresdner Postplatz und in dessen Umgebung ereignete, ist bis heute nicht geklärt und die Schuld lässt sich nicht einseitig einer der beteiligten Gruppierungen zuweisen. Anders als in anderen Städten sind die Todesfälle in Dresden nicht auf Straßenkämpfe zwischen Putschisten und republiktreuen Kräften bzw. linksradikalen Aufständischen zurückzuführen.
Zu den maßgeblich Beteiligten gehörten die nach dem Ende des Ersten Weltkriegs entstandene Dresdner Einwohnerwehr, die sich auf kommunaler Ebene mithilfe ehrenamtlicher oder nebenberuflicher Mitglieder an der Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung beteiligte. Hinzu kamen die in Dresden stationierten Reichswehrtruppen, die sozialdemokratische geführte Landesregierung – insbesondere das sächsische Innenministerium – sowie eine Menschenmenge. Die Menschen waren zum Postplatz geströmt, um sich über die Lage zu informieren und ihre Unterstützung der rechtmäßigen Regierung zu bekunden oder im Gegenteil für einen Umsturz des Systems einzutreten.
Ein subjektiv gefärbter, aber detaillierter Bericht des Führers der städtischen Einwohnerwehr, Oberstleutnant a. D. Gustav Burde, der sich auf Aussagen von Augenzeugen stützt, gibt Auskunft über die Geschehnisse. Auch die Presse unterschiedlicher parteipolitischer Ausrichtung schilderte und bewertete die Ereignisse.
Im Mittelpunkt der Auseinandersetzungen am 15. März 1920 stand das kommunale Telegrafenamt auf dem Postplatz. Bereits am Vortag war die Einwohnerwehr wegen des Putschs in Berlin in Alarmbereitschaft versetzt worden. Sozialdemokratische Mitglieder der Wehr besetzten zudem ohne Wissen der Führung der Einwohnerwehr das gewerkschaftseigene Volkshaus am Schützenplatz.
Auf dem Postplatz war eine große Menschenmenge versammelt, von der einige – Burde mutmaßte „Spartakisten“ – das Telegrafengebäude besetzen wollten. Um das zu verhindern, habe er selbst das Dresdner Garnisonkommando kontaktiert, das rund fünfzig bewaffnete Reichswehrsoldaten zur Sicherung des Telegrafenamtes entsandte. Die Soldaten seien von der Menge beschimpft und misshandelt worden und die Einwohnerwehr habe – laut Burde in Absprache mit dem Innenministerium – das Telegrafenamt besetzt. Ein sozialdemokratischer Vertrauensmann der Gewerkschaften habe – bevollmächtigt durch das sächsische Innenministerium – vor Ort Freiwillige in die Einwohnerwehr aufgenommen, die Ausweise und Waffen erhielten.
Übereinstimmenden Darstellungen Burdes und der Presse zufolge eskalierte die Lage auf dem Postplatz. Eine zur Verstärkung anrückende Einheit der Einwohnerwehr wurde aus der Menge heraus als „Bluthunde“ und „Nosketruppen“ beschimpft – in Anspielung auf den sozialdemokratischen Reichswehrminister Gustav Noske, der im Januar 1919 den bewaffneten Aufstand von Kommunisten und revolutionären Obleuten in Berlin gegen die provisorische Reichsregierung blutig niederschlagen lassen hatte. Vereinzelt und offenbar ohne große Resonanz wurde auch die Räterepublik ausgerufen. Die „Unabhängige Volkszeitung“, das Organ der Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei, berichtete auch von antisemitischer Agitation und vermutete daher Putschisten unter den Anwesenden.
Burde zufolge spitzte sich die Lage auf dem Postplatz weiter zu, als ein Schuss aus der Menge gefallen und diese erneut gewaltsam gegen die Einwohnerwehr vorgegangen sei. Er habe sich daher erneut an das Garnisonkommando gewandt – auch, um einer Besetzung des Telegrafenamtes durch kommunistische Kräfte zuvorzukommen. Vom Innenministerium sei daraufhin das Eingreifen der Reichswehr angeordnet worden, woraufhin die Lage eskalierte, als gegen drei Uhr nachmittags ein Panzerauto der Reichswehr den Postplatz umfuhr und blinde Schüsse abgab.
Burde zufolge wurde bei einer Wendung des Fahrzeugs unabsichtlich eine Person überfahren. Andere Schilderungen unterstellten den Soldaten vorsätzliche Gewalt: Ein junger Mann sei beim Versuch, das Auto zu erklimmen, erschossen bzw. das Auto gezielt in die Menge gefahren worden. In der Folge sei aus der Menge auf die Besatzung des Autos geschossen worden. „Dresdner Nachrichten“, „Sächsische Staatszeitung“ und „Unabhängige Volkszeitung“ berichteten, auch die Einwohnerwehr und die Besatzung des Panzerautos hätten einander beschossen. Außerdem sei das an der Ecke Ostraallee / Postplatz gelegene Palasthotel Weber von der sozialdemokratischen Arbeiterschaft besetzt und von dort auf das Panzerauto geschossen worden. Die Reichswehrsoldaten sollen zu Tode gekommen sein, nachdem ihr defekter Wagen zum Stehen gekommen war. Die Kämpfe endeten, als es der Reichswehr gelang, die Menge vom Postplatz und von der Gegend um die Sophienkirche zu verdrängen und das Telegrafengebäude zu räumen.
Übereinstimmend kommen die zeitgenössischen Berichte zu dem Schluss, die wechselseitigen Gewalthandlungen seien im Kern auf Fehleinschätzungen zurückzuführen. So sollen sowohl Angehörige der Einwohnerwehr als auch die sozialdemokratischen Schützen im Palasthotel Weber die Soldaten im Panzerauto für aus Berlin entsandte Putschisten gehalten haben. Und die versammelte Menge, die den Berichten zufolge vor allem aus den Reihen der Arbeiterschaft stammte, unterstellte sowohl der Einwohnerwehr als auch der Reichswehr, auf Seiten der Putschisten zu stehen.
Ihre tieferliegenden Ursachen hatten die Kämpfe in mangelndem wechselseitigem Vertrauen der beteiligten Personen und Institutionen. Dabei standen sie allesamt größtenteils loyal hinter der amtierenden sächsischen Landesregierung und der Reichsregierung. Vermutlich auch deshalb waren Vermittlungsbemühungen der sächsischen USPD-Landtagsabgeordneten Bernhard Menke (1876–1929) und Hermann Fleißner (1865–1939) vor Ort ohne Erfolg geblieben.
Die Zweifel an der Loyalität der Reichswehr waren nicht unberechtigt. So hatte sich Georg Maercker, Befehlshaber des Wehrkreiskommandos IV in Dresden, während des Kapp-Putschs zunächst abwartend verhalten und den Putschisten erst später eine Absage erteilt. Wegen seiner uneindeutigen Haltung gegenüber der Reichsregierung musste er schließlich Ende April 1924 aus dem aktiven Militärdienst ausscheiden. Auch die Einwohnerwehren wurden nach dem gescheiterten Putsch aufgelöst, weil sie sich zu republikfeindlichen Kräften entwickelt hatten. Die Gefahr, die in Dresden von linksrevolutionären Aufständischen ausging, wurde offenbar überschätzt. Das Verhalten sozialdemokratischer Akteure, die sich auch außerhalb der Einwohnerwehr zusammenfanden und in die Kämpfe eingriffen, zeigt ihr Misstrauen gegenüber allen anderen Akteuren.
Der fehlende Konsens spiegelte sich in wechselseitigen Schuldzuweisungen nach dem Ende der Unruhen. Die „Sächsische Staatszeitung“ wies der Mehrheitssozialdemokratie aufgrund der Art und Weise, wie sie sich an den Kämpfen beteiligt hatte, die Schuld an den hohen Opferzahlen zu. Die „Unabhängige Volkszeitung“ sah die Hauptverantwortung für die Gewalt bei der Reichswehr, die blindlings auf Fliehende geschossen habe, und bezweifelte die Loyalität der Reichswehr gegenüber der sächsischen Regierung. Der Rat der Stadt Dresden wiederum distanzierte sich vom Verhalten des sächsischen Innenministeriums, das die Ausgabe von Ausweisen und Waffen erlaubt hatte.
Die Beerdigung
Die Behörden meldeten am 17. März 1920 insgesamt 59 Tote, darunter sechs Reichswehrsoldaten. Die Kosten für die Beisetzung der Toten übernahm gemäß einem Stadtverordnetenbeschluss die Stadt Dresden, die auch Gelder für die Hinterbliebenen und Verwundeten zur Verfügung stellte. Allerdings entschied sich die Stadtspitze gegen eine gemeinsame Bestattung, da sie befürchtete, eine gemeinsame Bestattung könne „wiederum Anlass zu Unruhen und letzten Endes zu neuen Opfern geben“. [1]Oberbürgermeister Bernhard Blüher an Bernhard Menke, 17.3.1920, Stadtarchiv Dresden, 2.1.6, Nr. G XXXII, 158, Bd. 1, Bl. 205.
Die meisten Toten, nämlich 26, wurden auf dem Johannisfriedhof bestattet. Beisetzungen von einem oder mehreren Opfern sind darüber hinaus für den Urnenhain Tolkewitz, den St.-Pauli-Friedhof, den Neuen Annenfriedhof, den Inneren Neustädter Friedhof, den Inneren oder Äußeren Friedhof Briesnitz sowie den Neuen Katholischen Friedhof bekannt. Mutmaßlich wurden die zivilen Todesopfer zuerst auf den Johannisfriedhof gebracht und auf Wunsch von Angehörigen dann gegebenenfalls andernorts beigesetzt. Die Leichname der Reichswehrangehörigen wurden auf dem Garnisonfriedhof (heute: Nordfriedhof) beerdigt. Auf dem Johannisfriedhof, dem Urnenhain Tolkewitz und dem Garnisonfriedhof richtete die Stadt Dresden offizielle Bestattungsfeiern aus.
Die Trauerfeiern für die zivilen Opfer auf dem Johannisfriedhof und dem Urnenhain Tolkewitz waren von der SPD und ihrer Deutung der Ereignisse geprägt. Auf dem Johannisfriedhof traten am 19. März 1920 die sächsischen SPD- und USPD-Landtagsabgeordneten Arthur Arzt (1880–1953) und Bernhard Menke als Redner auf. Als Vertreter der Stadt waren zudem der parteilose Bürgermeister Dr. May und die Stadträte Beck (DDP), Barthel und Eggert (beide SPD) geladen. Auf dem Urnenhain Tolkewitz sprach am folgenden Tag neben Bernhard Menke das SPD-Ratsmitglied Wilhelm Buck (1869–1945). Gedacht wurde der Umgekommenen als Opfer ihrer Klasse. Die beiden Redner auf dem Johannisfriedhof deuteten deren Tod als Verpflichtung, die Klassengesellschaft abzubauen und die sozialistische Sache voranzutreiben. Die sozialdemokratische Prägung der Feierlichkeiten zeigte sich zudem in der musikalischen Umrahmung durch den Arbeitersängerbund, aber auch Geistliche beider Konfessionen sprachen zu den Anwesenden.
Bestattung der Opfer der Dresdner Unruhen
Unter Teilnahme einer nach vielen Tausenden zählenden Menschenmenge fand gestern nachmittag auf dem Johannisfriedhof in Tolkewitz die Beerdigung von 19 Opfern* der Kämpfe auf dem Postplatz statt. Vertreter der Regierung und der städtischen Körperschaften mit Bürgermeister Dr. [Hugo Richard] May an der Spitze nahmen daran teil. Regierung, Rat und Stadtverordnete, die S.P.D., U.S.P.D. und die Arbeiterschaft verschiedener großer Werke hatten Kränze niederlegen lassen.
Unter den Klängen des Chopinschen Trauermarsches setzte sich kurz nach 4 Uhr der lange Zug nach dem der Stadt zu gelegenen Teil des Friedhofes in Bewegung, wo ein gemeinsames mit Reisig ausgeschlagenes Grab für die Opfer bereitet war. Mannschaften der städtischen Bestattungsanstalt trugen immer je drei Särge heran und stellten sie nebeneinander auf. Dann segnete Pastor Flügge die evangelischen und Kaplan Engert die drei katholischen Toten ein. Der Arbeitersängerbund sang darauf […]
Als Vertreter der Sozialdemokratischen Partei gedachte Volkskammermitglied Lehrer [Arthur] Arzt der Toten, die als Volksgenossen von einem Wollen und Hoffen beseelt gewesen seien […] Abgeordneter [Bernhard] Menke sprach für die U.S.P.D. […] Die Toten seien Opfer in dem unendlich großen Opferkreise, den das Proletariat habe schreiten müssen […]. Die Feier, die mit Gesang des Arbeitersängerbundes schloß, währte 2 1/2 Stunden.© Dresdner Anzeiger, 20.3.1920 (Auszug)
* Tatsächlich wurden 17 Opfer im Rahmen dieser Bestattungsfeier beerdigt. Ernst Beißert wurde in einem anderen Grabfeld bestattet und Karl Kuhne erst am folgenden Tag.
Die Trauerfeierlichkeiten auf dem Garnisonfriedhof für die sechs toten Soldaten waren hingegen stark militärisch geprägt. Die städtischen Vertreter waren parteipolitisch gemischter und reichten von der SPD bis zur rechtsliberalen DVP. Auch General Georg Maerker war unter den Anwesenden. Während in den Reden auf dem Johannisfriedhof die Überwindung der Klassengesellschaft im Mittelpunkt stand, war es auf dem Garnisonfriedhof die Aufrechterhaltung von Ruhe und Ordnung. Der Divisionspfarrer und weitere Redner lobten Pflichterfüllung und soldatischen Gehorsam der „Gefallenen“. Sie hätten ihr Leben als „Vorkämpfer des Rechtes und Gesetzes“ eingesetzt, um „Ruhe und Sicherheit“ zu gewährleisten. [2]Bestattung der Opfer der Dresdner Unruhen, in: Dresdner Anzeiger, 20.3.1920.
Belegung des Grabfelds
Im Grabfeld 5L wurden am 19. März 1920 im Rahmen offiziellen Trauerfeier 17 Todesopfer beigesetzt, am 20. März 1920 folgten fünf weitere: Die 21 Männer und eine Frau wurden in zwei parallelen Reihen mit jeweils elf Einzelgräbern beerdigt. Ein Toter, Gustav Israel, konnte erst nach der Beisetzung identifiziert werden. Weitere vier Männer wurden von ihren Angehörigen an anderer Stelle auf dem Johannisfriedhof beigesetzt.
Auf dem Johannisfriedhof bestattete Opfer des Kapp-Putschs
Paul Richard Andreas
Eisenbahnarbeiter
* 19.8.1887, Oberschöna
† 15.3.1920
Annenstraße 10
Max Willy Auerbach
Schornsteinfeger
* 6.10.1885, Bautzen
† 16.3.1920
Theaterplatz
Ernst Beißert
Ratsarbeiter
60 Jahre
† 15./16.3.1920
Schloßstraße/Sporergasse
Bernhard Alfred Friebe
Gärtnereigehilfe
* 30.4.1892, Striegau
† 16.3.1920
Stadtkrankenhaus Johannstadt
Karl Richard Goldberg
Lehrer
34 Jahre
† 16.3.1920
Theaterplatz
Paul Hölzig
Schuhmacher
* 25.8.1899, Dresden
† 16.3.1920
Große Brüdergasse
Friedrich Ernst Imhof
Kraftwagenführer
* Großschirma
† 15.3.1920
An der Sophienkirche
Gustav Israel
Heizer
35 Jahre
† 15./16.3.1920
Große Brüdergasse
Johannes Otto Kempe
Maschinenarbeiter
* 11.5.1895, Dresden
† 15.3.1920
Schössergasse 9
Boleslaus Kowal
Polizeiwachmann
* 28.7.1886, Posen
† 15./16.3.1920
Dresden
Walter Kurt Kretschmer
Bauschlosser
* 6.1.1898, Dresden
† 15.3.1920
An der Sophienkirche
Arthur Kurt Kretzschmar
Mechaniker
* 28.5.1898, Dresden
† 16.3.1920
Postplatz
Paul Karl Friedrich Kuhne
Bäcker
* 10.3.1899, Seehausen
† 16.3.1920
An der Sophienkirche
Georg Walter Meischke
Apotheker
* Leipzig, 39 Jahre
† 15.3.1920
Postplatz
Ernst Albert Melzer
Schumacher
* 31.8.1888, Dresden
† 15.3.1920
Große Brüdergasse
Josef Alfred Meyer
Werkmeister
* 17.1.1875, Sulz
† 15.3.1920
Postplatz
Wilhelm Arthur Opitz
Arbeiter
* 31.7.1886, Dresden
† 15.3.1920,
An der Sophienkirche
Maria Pawlitza
Kontoristin
* Schwientochlowitz, 27 Jahre
† 16.3.1920
Stadtkrankenhaus Johannstadt
Ernst Willy Posern
Schneider
* 5.3.1894, Chemnitz
† 16.3.1920
Postplatz
Bernhard Schubert
Schuhmacher
* Arnsdorf, 22 Jahre
† 15.3.1920
Postplatz
Friedrich Silber
Bäckergeselle
* Landau, 25 Jahre
† 15.3.1920
Postplatz
Paul Stiller
Steingutdreher
* Stoberau, 33 Jahre
† 16.3.1920
An der Sophienkirche
Bruno Curt Straube
Fleischergehilfe
* 13.2.1900
† 15./16.3.1920
Dresden
Gustav Willy Viehrig
Schlosser
* Bad Schandau, 20 Jahre
† 15.3.1920
Altmarkt 2
Weber
Goldschmied
† 23.3.1920
Erwin Gerhard Werner
Kutscher
† 15.3.1920
An der Sophienkirche
Bis auf vier Tote waren die Bestatteten bei ihrem Tod zwischen 20 und 35 Jahren alt, mehrheitlich waren sie ledig und die meisten von Beruf Arbeiter oder Handwerker. Auch der Ordnungspolizist Boleslaus Kowal war unter den Todesopfern. Er gehörte zu den mindestens fünf auf dem Johannisfriedhof bestatteten römisch-katholischen Todesopfern.
Sieben Personen waren an der zwischen Postplatz und Schloss gelegenen Sophienkirche ums Leben gekommen, sechs am Postplatz, weitere in der Großen Brüdergasse, in der Altstädtische Hauptwache auf dem Theaterplatz, in der Annenstraße, in der Schloßstraße und auf dem Altmarkt. Ein Verletzter starb im Krankenhaus.
Einige der Todesopfer waren zufällig in die Auseinandersetzungen geraten – so der im Grabfeld 3E beigesetzte 39-jährige Apotheker Georg Walter Meischke, der auf dem Nachhauseweg von einer Kugel tödlich getroffen wurde. Das Familiengrab besteht bis heute.
Auch in der Folge engagierte sich insbesondere die Dresdner Sozialdemokratie für das Gedenken an die zivilen Opfer des Kapp-Putschs. Auf Antrag der sozialdemokratischen Fraktion in der Stadtverordnetenversammlung unter Führung von Wilhelm Franke (1891–1945) übernahm die Stadt im September 1929 die Kosten für die Herrichtung und Pflege von Gräbern auf dem Johannisfriedhof, die nicht von Angehörigen gepflegt wurden und verwahrlost waren. Franke begründete seinen Antrag mit den Opfern: sowohl mit denjenigen, die zufällig in die Kämpfe geraten und umgekommen waren als auch mit dem überwiegenden Teil, der aus innerer Überzeugung das neue Deutschland verteidigt habe. Die ebenfalls von ihm beantragte Errichtung eines Gedenksteins bei den Gräbern und dessen Weihe am 15. März 1930 – am zehnten Jahrestag der Ereignisse – fand in der Dresdner Stadtverordnetenversammlung hingegen keine Mehrheit: Die KPD stimmte mit der politischen Rechten dagegen. Im Dezember desselben Jahres regte die Stadtverwaltung, Abteilung Grünanlagen, zudem an, auf acht nicht von Angehörigen gepflegten Gräbern einfache Holzkreuze anzubringen. Ob es dazu kam, ist nicht bekannt.
Noch viel schlimmer sieht es allerdings aus mit den Gräbern auf dem Johannisfriedhofe. Dort ruhen die, die 1920 an den Folgen des Kapp-Putsches ihr Leben lassen mußten. Wir haben dort einige, die als unschuldige Opfer bezeichnet werden. Das sind diejenigen, die durch Zufall in die Kämpfe hineingekommen sind und diesen Zufall mit dem Leben bezahlen mußten. Der größte Teil der […] dort Beigesetzten ist allerdings bewusst in den Kampf gegangen, um sich in die Bresche zu werfen, die nach Ansicht der dort Demonstrierenden durch den Kapp-Putsch geschlagen worden war, und um das zu verteidigen, was ein Jahr vorher, als die Revolution ausbrach, als das neue Deutschland ausgerufen worden ist.
Ob der einzelne von uns jeden Schritt jedes Wort gutheißt, was damals geschehen ist, steht heute nicht zur Debatte und soll auch im Anblick der Gräber nie zur Debatte stehen, aber eins wissen wir, daß alle diejenigen, die dort für ihre Überzeugung gefallen sind – um das nochmals zu betonen – das Höchste getan haben, was ein Mensch tun kann, treu zu sein, auch mit seinem Leben sich einzusetzen für das, was er für richtig hält […]
Der Zustand der Gräber ist bis auf einige wenige geradezu trostlos. Einige Gräber werden ja offenbar von den Angehörigen gepflegt, aber der größte Teil der Gräber ist völlig verwahrlost […]
Deshalb verlangen wir, daß auch diese Gräber der im Kapp-Putsch Gefallenen von der Stadt in Obhut genommen werden […]
Aber […] ich wiederhole noch einmal, wir sind keine Anhänger der Denkmalsaufstellung an und für sich, aber wir glauben, daß hier ein Zeichen errichtet werden muß auch für diejenigen, die kommen […], daß sie sich neue Kraft holen, um mit ihrer ganzen Persönlichkeit […] für das einzutreten, von dem sie glauben, daß es ein Fortschritt für die Menschheit sei.Rede Wilhelm Frankes anlässlich des 10. Jahrestages des Kapp-Putschs am 26. September 1929 in der Dresdner Stadtverordnetenversammlung (Auszug) © Stadtarchiv Dresden, 2.1.6, Nr. G XXXII, 158, Bd. 1
Die Dresdner KPD instrumentalisierte die Toten für ihre Agitation gegen die Weimarer Republik. Anlässlich des zehnten Jahrestages des Putschs rief die Partei zu einer „Märzkundgebung gegen die Hungerregierung und gegen das Republikschutzgesetz und für ein Sowjetdeutschland“ auf und legte auch an den Gräbern der Opfer des Kapp-Putschs auf dem Johannisfriedhof Kränze nieder.
In der Zeit des Nationalsozialismus wurden die von der Stadt in Pflege genommenen Gräber mutmaßlich nicht mehr gepflegt. Nun entstanden im Deutschen Reich zum Kapp-Putsch – wenn auch nicht in Dresden – Gedenksteine für Freikorpsangehörige und weitere an den Kämpfen beteiligte Putschisten.
Das Grabfeld in der SBZ/DDR
In der DDR galten die zivilen Toten des Kapp-Putschs nicht mehr als Verteidiger des republikanischen Deutschlands, sondern als revolutionäre Arbeiter, die unter Einsatz ihres Lebens die „Reaktion“ bekämpft hatten. Bis zu ihrem Weggang nach Bautzen 1950 kümmerte sich die Pionierleiterschule Wachwitz zeitweise um die Gräber. 1957 nahm die Stadt Dresden die 22 Grabstellen in Pflege. Es könne nicht sein, dass „Revolutionäre, die ihr Leben für die Macht der Arbeiterklasse gaben“, heute in „in ungepflegten verwahrlosten Gräbern ruhen“. [1]Beschlussvorlage vom 3.6.1957 für die 13. Ratssitzung vom 25.6.1957, Stadtarchiv Dresden, 4.2.2, Nr. 218.
1961 errichtete der VEB Elbenaturstein im städtischen Auftrag eine den Gräbern vorgelagerte Sandsteinsäule. Die Inschrift „Hier ruhen 22 Opfer des Kapp-Putsches vom 13.3.1920“ ist irreführend, weil an diesem Tag der Putsch in Berlin begann. Die Dresdner Opfer standen damit nur indirekt in Zusammenhang. Mutmaßlich 1969 wurde die Anlage unter Denkmalschutz gestellt.
Am Ort der Ereignisse, dem Dresdner Postplatz, wurde kein Erinnerungszeichen geschaffen. Lediglich auf einer der fünf Bronzetüren zur Dresdner Stadtgeschichte am Eingang des Kulturpalastes wird seit der Eröffnung 1969 auch an die Geschehnisse in Dresden anlässlich des Kapp-Putschs erinnert.
Das Grabfeld nach 1989/90
Auf Antrag der FDP-Fraktion beschloss der Dresdner Stadtrat im September 1993, die Toten des Kapp-Putschs auf dem Johannisfriedhof dauerhaft zu ehren. Am 15. März 1995 fand auf dem Johannisfriedhof ein stilles Gedenken statt. Die damals von der Stadtspitze geplante Gedenktafel am Postplatz wurde nicht realisiert.
Quellen (Auswahl):
- Stadtarchiv Dresden: 2.1.6, Nr. G XXXII, 158, Bd. 1; 3.1, Nr. M 45; 4.2.2, Nr. 218
- Die Unruhen in Dresden, in: Dresdner Nachrichten, 16.3.1920
- Straßenkämpfe in Dresden, in: Sächsische Staatszeitung, 16.3.1920
- Ein entsetzliches Blutbad in Dresden, in: Unabhängige Volkszeitung, 17.3.1920
- Die Dresdner Opfer, in: DNN, 20.3.1920
- Bestattung der Opfer der Dresdner Unruhen, in: Dresdner Anzeiger, 20.3.1920
- Eine Kundgebung der städtischen Kollegien, in: Dresdner Neueste Nachrichten, 20.3.1920
- Beisetzung der Opfer der Dresdner Unruhen, in: Dresdner Anzeiger, 21.3.1920
- Sitzung der Stadtverordneten, in: Dresdner Neueste Nachrichten, 27.9.1929
- Demonstrationen, in: Dresdner Neueste Nachrichten, 18.3.1930
- Horst Schneider, Aktionseinheit schlug Kapp. Die Dresdner Arbeiter im Kampf gegen den Kapp-Putsch im März 1920, Dresden 1960
- Roland Weckesser (Leserbrief), in: Dresdner Blättl 6/1995
- Immanuel Voigt, Blutiger Montag. 100 Jahre Kapp-Lüttwitz Putsch in Dresden, in: Sächsische Zeitung, 14./15.3.2020


