Joël Anglès d’Auriac
Joël Anglès d’Auriac (1922–1944) wurde am 25. Februar 1922 im südfranzösischen Toulon jüngstes von fünf Kindern eines Marinearztes geboren. Nach der Trennung seiner Eltern zog er mit seiner Mutter und seinen Geschwistern zunächst nach Paris und 1939 nach Brest (Bretagne), der Heimat seiner Mutter.
Kurz nach dem deutschen Überfall auf Frankreich im Mai 1940 flüchtete er – wie Millionen seiner französischen Landsleute –, zunächst nach Großbritannien und dann nach Marokko. Über einen seiner Gastväter lernte der inzwischen 18-Jährige die Pfadfinderbewegung kennen. Ende 1940 kehrte er nach Toulon zurück, wo er 1942 das Abitur bestand. Dort wurde er auch als Rover (die älteste Altersstufe) in die örtliche Pfadfindergruppe aufgenommen, die Teil der 1920 gegründeten, katholisch geprägten Scouts de France war. Die Pfadfinder sollen eine zweite Familie für ihn geworden sein. Toulon gehörte damals zur unbesetzten Zone, dem sogenannten Vichy-Frankreich, das unter Staatschef Philippe Pétain mit den deutschen Besatzern kollaborierte
Eigentlich wollte Joël Anglès d’Auriac wie sein älterer Bruder an der renommierten französischen Militärschule Saint-Cyr bei Versailles studieren – und bestand auch die schriftliche Aufnahmeprüfung. Daher meldete er sich auch erst nach der dritten Vorladung im Mai 1943 gezwungenermaßen zum Service de travail obligatoire (STO, Pflichtarbeitsdienst). Er wurde nach Děčín im damaligen Reichsgau Sudetenland geschickt, wo er in den Schmiddingwerken Zwangsarbeit leisten musste – einem Rüstungsbetrieb, der Raketentriebwerke für verschiedene Flugzeugtypen produzierte.
Am 10. März 1944 wurde Joël Anglès d'Auriac verhaftet, nachdem ihn sein Arbeitgeber denunziert hatte, und am 20. Oktober verurteilte das Oberlandesgericht Leitmeritz ihn wegen „Feindbegünstigung“ zum Tode, Hauptbelastungszeuge im Prozess war ein anderer französischer ziviler Zwangsarbeiter. D'Auriac wurde vorgeworfen, bewusst langsam gearbeitet und eine Erkrankung vorgetäuscht zu haben, um der deutschen Rüstungsindustrie zu schaden, und darüber hinaus andere französische Zwangsarbeiter in seinem und zwei weiteren Wohnlagern aufgefordert zu haben, es ihm gleich zu tun. Nach dem Todesurteil wurde der 22-Jährige zur Vollstreckung des Todesurteils aus dem Gerichtsgefängnis in Leitmeritz (heute Litoměřice) nach Dresden in das Hafthaus in der George-Bähr-Straße 5 überführt.
In den sechs Wochen, die er noch lebte, fand der Katholik Trost und Halt im Glauben und in der seelsorgerischen Unterstützung durch den Gefängnisseelsorger Pater Franz Bänsch. Auf der Rückseite eines Gebetszettels, den Pater Bänsch ihm zur Verfügung gestellt hatte, sowie in einem Abschiedsbrief hinterließ Joël Anglès d’Auriac an seinem Hinrichtungstag, dem 6. Dezember 1944, letzte Grüße an seine Angehörigen. Am 12. Dezember 1944 wurde er auf dem Neuen Katholischen Friedhof in einem Grab zusammen mit seinen Landsleuten Jean Bruyeron und Auguste Ledoux sowie dem Tschechen Josef Tomčík beigesetzt. Nach Kriegsende bemühte sich Pater Bänsch vergeblich, mit dem Vater von Joël Anglès d’Auriac Kontakt aufzunehmen – seine Mutter war bereits 1941 gestorben –, um ihm eine Haarlocke seines Sohnes und den Gebetszettel zu übermitteln.
Im Dezember 2025 wurde Joël Anglès d’Auriac als einer von fünfzig französischen Geistlichen und Laien in der Kathedrale Notre Dame in Paris selig gesprochen.
Quellen (Auswahl):
- Arolsen Archives, ITS Digital Archives, Such- und Bescheinigungsvorgang Nr. 1.264.261 für ANGLES, JOEL geboren 25.02.1922
- Bundesarchiv: Mordregister I/II, Joël Anglès d'Auriac
- Katholische Kirchhofstiftung: Bescheinigung über die Anmeldung eines Sterbefalls
- Sammlung Gedenkstätte Münchner Platz Dresden: Unterlagen Franz Bänsch (Kopie)
- Auskünfte und Unterlagen aus Privatbesitz
| Name | Joël Anglès d’Auriac |
|---|---|
| Geschlecht | männlich |
| Nationalität | französisch |
| Opfergruppe | Justizhäftling
Anerkannt gemäß Gräbergesetz § 1 Abs. 2 Nr. 4 |
| Geburtsdatum | 25.02.1922 |
| Todesdatum | 06.12.1944 |
| Bestattungsdatum | 12.12.1944 |
| Friedhof | Neuer Katholischer Friedhof |
| Grablage | Grabfeld N |
| Todesursache | Hinrichtung |
| Todesort | DE, Dresden, Hinrichtungsstätte, Münchner Platz |
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